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Warum Psychotherapie nicht durch Kinesiologie (oder anderes) ersetzt werden kann!

Sonja Hintermeier


Gelegentlich rufen mich Menschen, mit denen ich bereits ein Erstgespräch vereinbart hatte, kurz vor unserem Termin an und sagen ab, mit einer Begründung wie „ich hab da eine Freundin, die war bei einer Kinesiologin (o.ä.), die hat mir gesagt, das kann mir auch helfen, deshalb möchte ich es einmal so probieren“………. Nichts gegen alle jene neuen Gesundheitsberufe, aber eine Psychotherapie können alle jene Maßnahmen nicht ersetzen. Zumindest dann nicht, wenn das Problem, unter dem mensch leidet, ein psychisches, emotionales oder psychosomatisches ist.


Was ist hiermit gemeint? Die häufigsten psychischen und emotionalen Probleme, wegen denen Menschen Unterstützung und Behandlung suchen, sind: Angstzustände, Panikattacken, Essprobleme, Zwänge, Suchtprobleme, depressive Verstimmungen, Stresssymptome und psychosomatische Erkrankungen (psychisch bedingte Schmerzzustände, Magen- und Darmbeschwerden, chronische Kopfschmerzen usf.), Beziehungsprobleme und akute Krisenzustände. Zweifellos können bei all jenen Problemen die unterschiedlichsten Formen menschlicher Zuwendung und Interventionsformen punktuell deutlich das Wohlbefinden verbessern und als Unterstützung erlebt werden. Eine Heilung psychischer Symptome darf aber davon nicht erwartet werden, da eine Heilung immer auch Veränderungen in den Haltungen und im Verhalten der betroffenen Personen erfordert, und dies ein tiefgreifenderes Verständnis vom und Wissen über das Wesen der menschlichen Psyche erfordert als alle jene – in ihrem Rahmen durchaus sinnvollen - Maßnahmen und Interventionsformen beinhalten bzw. deren AnwenderInnen besitzen. Manchmal, wenn z.B. ein noch unverarbeitetes Trauma vorliegt, kann eine im Rahmen einer derartigen (z.B kinesiologischen) „Behandlung“ durchgeführte Maßnahme (als besonders gefährlich erscheinen mir z.B. „kinesiologische Rückführungen in frühere Lebensphasen“) sogar sehr schädliche und gefährliche Wirkungen haben – wie viele meiner KollegInnen erleben konnten, wenn PatientInnen nach solchen Behandlungsversuchen dann in ihrer Praxis Hilfe suchten.


Was unterscheidet Psychotherapie davon? Psychotherapie ist eine spezielle Form der Behandlung für psychische und emotionale Probleme auf der Basis wissenschaftlicher Erkenntnisse. PsychotherapeutInnen sind Fachleute, die – und das unterscheidet sie deutlich von Angehörigen oben erwähnter Berufsgruppen – eine mehrjährige Ausbildung bei einem vom österreichischen Staat als Ausbildungseinrichtung für Psychotherapie anerkannten Verein/Institut absolviert haben. Diese Ausbildung dauert mindestens 5 (de facto meistens mehr) Jahre und umfasst theoretische Inhalte (mind. 1065 Stunden), praktische Übung (mindestens 2150 Stunden), die in Form von Supervision überwacht wird, und Selbsterfahrung und Eigentherapie. Außerdem müssen Personen, die diese Ausbildung beginnen wollen, verschiedenste Voraussetzungen erfüllen: sie müssen z.B. Matura haben, mind. 24 Jahre alt sein und „geeignet“ sein. Diese Eignung wird im Rahmen der jahrelangen Ausbildung immer wieder geprüft und gegebenenfalls auch revidiert. Zusätzlich haben viele Psychotherapeutinnen einen psychologischen, medizinischen, pädagogischen oder sozialen Grundberuf, der sie bereits in der Arbeit mit Menschen Erfahrungen sammeln hat lassen.

Nach Vollendung der Psychotherapie-Ausbildung werden „fertige“ PsychotherapeutInnen in eine Liste des Bundesministeriums für Gesundheit und Frauen eingetragen und unterliegen somit einer Kontrolle durch staatliche Behörden. PsychotherapeutInnen müssen regelmäßig Fortbildungen absolvieren, um immer am neuesten Stand der psychotherapeutischen Wissenschaft zu sein. Auch können PsychotherapeutInnen haftbar gemacht (geklagt) werden für ihre Leistungen, wenn man/frau als Patient den Eindruck hat nicht gut oder nicht nach wissenschaftlichen Methoden behandelt worden zu sein oder seine/r/m Psychotherapeut/in sonstiges vorzuwerfen hat.

Eine Angelegenheit, für die also so viel rechtlicher, verwaltungstechnischer und organisatorischer Aufwand getrieben wird, kann logisch betrachtet nicht durch Interventionen ersetzt werden, die in deutlicher kürzerer Zeit und ohne derartige Kontrollen durch Behörden erlernt und ausgeübt werden kann.


Warum also kommt es dennoch vor, dass manche Menschen trotz massivster psychischer Symptome und emotionaler Probleme erstmal lieber andere Interventionsformen (z.B.Kinesiologie, Energiearbeit, Aromatherapie, Engelstropfen u.a.) versuchen anstatt gleich Psycho-Fachleute zu konsultieren? Abgesehen davon, dass derzeit generell eine Tendenz der Hinwendung zu esoterischen Strömungen festzustellen ist, sehe ich als hauptsächliche Ursache an, dass es bei psychischen und psychosomatischen Symptomen allgemein eine Scheu gibt eigene psychische Probleme als krankheitswertig zu definieren. Leider empfinden viele manche Menschen große Scham bei dem Gedanken, eine „psychische Erkrankung“ oder eine „Krise“ zu haben. Dabei erleidet nach aktuellen Statistiken jeder 3. Mensch im Laufe des eigenen Lebens einmal eine massive psychische Krise oder entwickelt eine psychische Erkrankung. Leider ist darüber in der Gesellschaft noch wenig Wissen vorhanden. Nahezu jeder Mensch hat irgendwelche Symptome, die als krankheitswertig gesehen werden können, z.B. Zwänge, den Herd oder anderes zu kontrollieren, häufiges Rotwerden, Auftrittsangst, depressive Stimmungen, Schokolade- oder andere Süchte, gelegentliche Schlafstörungen, Einsamkeit, sexuelle Probleme usf…..

Viele Menschen schämen sich wegen solcher Probleme so sehr, dass sie nicht einmal ihren engsten Angehörigen (Partner/in, Eltern) davon erzählen. Dabei ist mensch an einer emotionale Krise oder eine psychische Erkrankung nicht selbst „schuld“. Auslöser sind meist belastende Lebensumstände, Konflikte in wichtigen Beziehungen, schlechte Erfahrungen oder traumatische Erfahrungen, die nicht in erster Linie der eigenen Kontrolle unterliegen.

Dennoch ist nicht bei jedem Problem sofort eine Psychotherapie erforderlich. Mit vielen Problemen können Menschen tatsächlich ganz gut selbst umgehen. So wie man auch nicht bei jedem Schnupfen gleich zum Arzt gehen muss. Häufen sich aber die seelischen Nöte und Leidenszustände, treten sie immer wieder auf, macht es Sinn, einmal eine Psychofachkraft (Klinische PsychologIn oder PsychotherapeutIn) zu konsultieren, da viele psychische Erkrankungen im Anfangsstadium noch viel leichter behandelt werden können, als wenn sie bereits chronifiziert sind. Im allgemeinen machen PsychotherapeutInnen aber leider eher die Erfahrung, dass viele Menschen erst nach einer jahrelangen Leidensgeschichte (und oft auch diversen Behandlungsversuchen mit Aromatherapie, Engelstropfen, Kinesiologie, Aufstellungen etc……) zu einem Erstgespräch kommen. Diese unnötige jahrelange Leidengeschichte könnten sich viele Menschen „sparen“, wenn sie relativ bald bei Fortdauern eines psychischen Problems eine Psychofachkraft konsultieren würden.