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Der soziometrische Ansatz im Psychodrama


Zusammengefasst von Ernst Silbermayr


Der Aufstellungsboom der letzten Jahre hat viele unseriöse Anbieter auf den Mark geschwemmt, denen es nicht nur an ausreichender Ausbildung, die zum Einsatz der Methode unabdingbar ist, sondern auch an ausreichender theoretischer Begründung des Verfahrens mangelt.


Es ist also Zeit, dem soziometrischen Ansatz des Psychodramas in seiner ganzen Breite wieder verstärkt Aufmerksamkeit zu widmen.


Die Soziometrie stellt das theoretische Grundgerüst für die psychodramatische Aufstellungsarbeit zur Verfügung. Vor allem: sie bindet diese Arbeit an ein Menschenbild, welches mit vielen aktuellen Auswüchsen - die oft „guru-haft“ geleitet werden, unvereinbar sind.


Soziometrische Methoden sind heute – oft unter anderem Namen und ohne Hinweis auf die historischen Wurzeln – Bestandteil vieler „MethodenFormateFormate“, wie der Psychotherapie, der Supervision, des Coachings, der Team- und Organisationsentwicklung, des Trainings und der Fortbildung, der Mediation, etc….


Die Soziometrie geht auf Jakob Levy Moreno zurück. Er arbeitete hat während und nach dem 1. Weltkrieg als Arzt in einem Flüchtlingslager in Mitterndorf gearbeitet und beobboachtete dort Zusammenhänge zwischen den Problemen der Flüchtlinge und Gruppenprozessen beobachtet. Diese Beobboachtungen stellen Das waren die Anfänge der soziometrischen Praxis und Theoriebildung dar. .


Moreno selbst sprach von der Sozionomie, der Wissenschaft sozialer Beziehungen und sozialer Entwicklungsgesetze. Diese beinhaltet die

  • Soziodynamik (Wissenschaft der sozialen Gesetze)

  • die Soziometrie (Wissenschaft von der Messung der sozialen Beziehungen) und

  • die Soziatrie (Wissenschaft der Heilung sozialer Systeme).


Zur Soziodynamik: Moreno unterscheidet drei Entwicklungsstadien von Gruppen (das soziogenetische Grundgesetz):

    • die organische Isolation: hohe Selbst- und geringe Fremdbezogenheit

    • die horizontale Differenzierung: Hinwendung zu den anderen Individuen, Erprobung physischer und psychischer Nähe bzw. Distanz

    • die vertikale Differenzierung: Herausbildung von Personenpräferenzen haben sich herausgebildet


Soziometrie bedeutet im Sinne Morenos bedeutet weit mehr als ein quantitatives Verfahren, denn . Vor allem: Soziometrie intendiert Veränderungsprozesse. Die Dynamik zwischen Individuen einerseits und Gesellschaft andererseits soll so gestaltet sein, dass sie sich gegenseitig fördern und optimieren.


Moreno schreiebt:

Für eine gesunde Gesellschaft muss das Ziel daher in der Vereinigung der größtmöglichen individuellen Freiheit mit höchster Kohäsion liegen.“ 1996, s. 418)


Er hoffte mit der Soziometrie ein Verfahren zu entwickeln, das auch zu einer „universalen“ Förderung menschlicher Gruppierungen führt.


Ziel der Soziometrie ist die Entwicklung einer Welt, die jeden Menschen ungeachtet seiner Intelligenz, Rasse, Religion oder ideologischer Gebundenheit die Möglichkeit zur Entfaltung seiner Spontanität und Kreativität gibt, die Möglichkeit zu leben und die gleichen Rechte zu geniessen.“ (1996, S. 391).


Begriffe, die damit in Zusammenhang stehen, sind:

  1. die soziodynamische Differenz und das Gesetz des zwischenpersönlichen und sozioemotionalen Netzwerks

  2. der soziodynamische Effekt

  3. der soziometrische Status

  4. der soziometrische Test


  1. Moreno erkanennte, dass hinter der eine Oberflächenstruktur einer Gesellschaft bzw. Gruppe eine - und eineT Tiefenstruktur existiert. einer Gesellschaft, bzw. von Gruppen. Erstere ist die offizielle, formale Struktur (die „äußere Wirklichkeit der Gesellschaft“), zweitere wird durch die emotionalen, informellen Momente bestimmt (= die innere Wirklichkeit einer Gesellschaft = soziometrische Matrix). Erstere ist oft bewusst und klar beschreibbar, zweitere folgt meist eher unbewussten Kräften und Dynamiken. Unbefriedigende Formen menschlicher Gruppierungen weisen meist eine große Differenz zwischen den beiden Strukturen auf. Dementsprechend zielt die Soziometrie darauf ab, eine konstruktive Veränderung des Verhältnisses zwischen Oberflächen.- und Tiefenstruktur zu erzielenhin (vergleichbare demn Ansatz der zirkulären Beziehungsprozesse in der Systemtheorie).

  2. Der soziodynamische Effekt ist eine Konsequenz der soziodynamischen Differenz. Er beschreibt folgendes:

    1. Eine gewisse Zahl von Gruppenmitgliedern werden hartnäckig aus produktiven Kontakten und Verbindungen ausgeschlossen

    2. Die dauernde Vernachlässigung einiger Individuen unter ihren Ansprüchen und die dauernde Begünstigung anderer über deren Bedürfnis hinaus

    3. Konflikte und Spannungen in einer Gruppe steigen mit der Größe des soziodynamischen Effekts (mit dem Ansteigen der Polarität zwischen Begünstigten und Benachteiligten).

  3. Der soziometrische Status ist eine Spezifikation des soziodynamischen Effekts. Individuen mit einem hohen soziometrischen Status haben in einer Gruppe mehr Handlungsspielraum in einer Gruppe als solche mit niedrigem Status. Wer wird in der Gruppe am häufigsten angesprochen, erhält am meisten Aufmerksamkeit und wer teilt diese auch am meisten aus? Je höher der Status, desto eher wird der Person zugestanden, Initiative zu ergreifen und desto eher werden diese Initiativen auch angenommen. (Beachte: wer bestimmt und beendet Situationen?)

  4. Der soziometrische Test macht die Verteilung des soziometrischen Status sichtbar. Das geschieht meist in Form von Wahlen, die von den Gruppenmitgliedern untereinander anhand von bestimmten Kriterien vorgenommen werden. Die Ergebnisse müssen in quantitativer und qualitativer Form interpretiert werden. Der soziometrische Test ist aber nicht nur diagnostisches Instrument, sondern zugleich Interventions-technik: er verändert die Gruppe.


Das soziometrische Interesse liegt daher nicht vorrangig beimauf dem Individuum, sondern bei auf den Systemen, in denenm Individuen sie leben.

Ziel der Soziometrie ist, Mitglieder einer Gruppe oder einer Gesellschaft zu „Aktoren“ (zu Wählenden) werden zu lassen. Dazu braucht es Spontanität und Kreativität. Diese Faktoren verleihen den Systemen erst die für die Dynamik notwendige Beweglichkeit.

Die soziometrische Beweglichkeit kommt in Wahlen nach den Prinzipien der soziometrischen Qualitäten zum Ausduck:

    • Anziehung

    • Abstoßung

    • Ambivalenz und

    • Gleichgültigkeit

Jeder Mensch ist folglich Fokus von vielen Anziehungen und Abstoßungen.


Moreno verfolgte mit seiner Sozionomie einen emanzipatorischen Ansatz. Sein Engagement galt dem „soziometrischen Proletariat“.


Das älteste und größte Proletariat der menschlichen Gesellschaft ist das soziometrische Proletariat. Es besteht aus all den Menschen, die unter der einen oder der anderen Form des Elends leiden, unter psychischem Elend, politischem Elend, rassischem Elend oder religiösem Elend. Es gibt zahlreiche Individuen und Gruppen, deren Anziehungsvolumen oder deren Rollenexpansion, deren Spontanitäts- und Produktionsvolumen weit unter ihren Bedürfnissen und ihrer Konsumfähigkeit liegt. Die Welt ist voller isolierter, abgelehnter, ablehnender, unerwünschter und vernachlässigter Individuen und Gruppen“ (Moreno, 1981, S. 221/222).


Ganz im Sinne des philosophischen Pragmatismus (z.B.William James) erschließt sich der Wert der Soziometrie erst durch seine praktische Verwertbarkeit in der Gesellschaft. Die Erweiterung von Handlungsspielräumen für das „soziometrische Proletariat“ ist das Ziel.


Moreno folgend ist es die Aufgabe von SohziometrikerInnen, denen zur ProtagonistInnenrolle zu verhelfen, die unter ihrem soziometrischen Status leiden, und zwar sowohl im Bereich der Gruppentherapie als auch im gesamtgesellschaftlichen Kontext.“ (Pruckner, 2004, S. 173).


Vom PsychodramatikerInnen stellen sich die Aufgabe, wird erwartet, dass er das „als Hilfs-Iche“ für diesen Prozess zu fungieren.darstellt.


Literatur:

Moreno, J.L.: „Soziometrie als experimentelle Methode“, Junfermann, Opladen, 1981


Moreno, J.L.: „Soziometrie. Wege zu einer Neuordnung der Gesellschaft“; Leske und Budrich, Stuttgart, 1996.


Pruckner, H.: „Soziometrie“, in: Fürst, J., Ottomeyer, K. und Pruckner, H. (Hgs.): „Psychodrama-Therapie“, Facultas Verlag, Wien, 2004.